Kategorien
Uncategorized

Zu allem bereit

Agnes Ryser (62) , leidenschaftliche Musiklehrerin und Dirigentin

Ich habe es mir schrecklich vorgestellt. Ich war zwar furchtlos, aber angespannt. Lange zögerte ich und wollte mich gar nicht untersuchen lassen, um die Frage zu klären,ob ich Dialyse machen muss. Meine Kräfte haben abgenommen und auch meine Hoffnung. Ich habe meinen Kopf in den Sand gesteckt und wollte der Realität nicht ins Auge schauen. Die Dialyse ist nämlich ein ziemlich persönlicher Eingriff. Die Nieren scheiden eigentlich alle Schadstoffe und das Wasser aus, die man zum Beispiel beim Essen und Trinken einnimmt. Doch bei mir arbeiten die Nieren nicht richtig und lassen die Schadstoffe und das Wasser im Körper. Deswegen gehe ich zur Dialyse, diese wäscht das Blut rein. Ich habe polyzystische Nieren. Das ist eine Erbkrankheit.

Als ich mich endlich untersuchen liess, ging alles ganz schnell. Die Ärzte wollten sofort anfangen, doch ich hatte gerade wochenlang einen Sing-Workshop vorbereitet und konnte einfach noch nicht anfangen. Deshalb flehte ich die Ärzte an, die Dialyse um eine Woche zu verschieben. «Danach bin ich für alles bereit!», sagte ich zu ihnen.

Und das ging dann schlussendlich auch. Alle Pfleger*innen waren so nett und haben mir einen grossen Teil der Angst genommen. Ich habe auch einen Talisman, also einen Glücksbringer mitgenommen. Als es dann so weit war, war mein einziger Gedanke: «Augen zu und durch.»

Es gab zuerst eine Operation. Mir wurde am Hals ein Katheder, also ein künstlicher Gefässzugang, installiert und noch einen zweiten künstlichen Gefässzugang für das gefilterte Blut. Es waren wie zwei Leitungen. Die eine zieht das Blut heraus in eine Maschine, die das Blut dann filtert, und die andere führt das gefilterte Blut wieder zurück in den Körper. 

Schon nach der ersten Dialyse bemerkte ich einen riesigen Unterschied. Ich war fitter, weniger müde, konnte mich endlich wieder konzentrieren und auch die Leistungsmöglichkeiten waren gestiegen.

Nach sechs Monaten musste ich eine zweite Operation machen und einen Shunt legen. Dann besteht der Zugang zum Blut nicht mehr aus einem Katheder, sondern die Ärzte haben im Oberarm eine Arterie mit einer Vene verbunden. Jetzt wird jedes Mal in der Dialyse in den Shunt gestochen.

Eine gesunde Niere filtert das Blut vierundzwanzig Stunden, doch ich kann ja nicht die ganze Zeit im Spital sein. Deswegen wird nur ein beschränkter Prozentsatz vom Blut gefiltert. Ich gehe dreimal in der Woche vier Stunden in die Dialyse. Meistens gehe ich von halb acht bis halb zwölf Uhr morgens.Dabei nehme ich immer mein Laptop mit und arbeite vor Ort. Ich will nämlich meinen normalen Arbeitstag erledigen. Das ist für mich sehr wichtig, da ich beim Arbeiten immer nach Lösungen suche.  Das hält mich vom Grübeln ab. Ich arbeite nämlich 85 Prozent an der Musikschule und zusätzlich noch mit drei Chören, also eigentlich insgesamt 120 Prozent . Ohne die Dialyse könnte ich das gar nicht, mir würde die Kraft dazu fehlen.  Die Dialyse hält mich am Leben.

Unter dem Strich ist es wunderbar, dass es das Ganze überhaupt gibt, und dass ich es auch vertrage. Ausserdem denke ich, ist es zum grossen Teil eine Einstellungssache. Wenn es mich aber trotzdem einmal angurkt, dann sage ich zu mir selbst “Hey Agnes, es ist super, dass es die Dialyse überhaupt gibt und sie funktioniert. Und in anderen Ländern gibt es manchmal Dialysestationen, die nicht einmal ärztlich betreut sind, also beschwer dich nicht.“

Jetzt bin ich unglaublich dankbar, dass ich die Dialyse machen kann und mein Leben somit weitergeht.

Aufgezeichnet von Paula Ryser

Kategorien
Uncategorized

Porträt meiner Grossmutter

Meine Grossmutter (Ursula Seiler, 85 Jahre alt) hatte eigentlich keine Zeit für das Interview. Nachdem ich sie mehrmals angerufen hatte, nahm sie dann doch irgendwann ihr Handy ab und wir konnten ein Telefontermin für das Interview vereinbaren. 

«Mit dem Handy habe ich grosse Schwierigkeiten. Ich habe ein sogenanntes Smartphone. Es ist aber überhaupt nicht smart; es macht einfach nicht was ich will. Am Mittwochabend um 22:30 Uhr konnte ich endlich meine Enkelin zurückrufen, nachdem ich gerade auf den Zug nach Hause gerannt war. Das erinnert mich an früher. Während 26 Jahren, also seitdem meine erste Enkelin auf der Welt ist, fahre ich jeden Donnerstag nach Zürich, um auf die Kinder meiner Tochter aufzupassen. Als die Kinder schon im Kindergarten- und Schulalter waren und ich erst mittags gebraucht wurde, war ich oft ein bisschen zu spät und musste dann die Langmauerstrasse mit zwei Säcken voller Essen aus meinem Garten hinaufrennen. Darin war von Salat über Bohnen oder Rüebli bis zu verschiedenen Beeren alles, was gerade reif war. Aus den Himbeeren machten meine Enkelinnen und ich oft Eis. Wenn jemand dann mal eine Ameise im Essen fand, sagte ich immer: „Das gibt noch ein bisschen Proteine.“

Wie gesagt, kann ich immer noch auf den Zug rennen, aber es fällt mir schon ein bisschen schwerer, an alles zu denken, was ich dabei haben muss, als früher. Auch mit meinen Händen habe ich Probleme. Vor allem in der Nacht werden sie steif und schlafen ein. Am Tag geht es erstaunlicherweise besser. Da brauche ich sie auch. Ich arbeite als Feldenkrais Therapeutin. Das ist eine Körpertherapie zur Verbesserung der Hirnleistung. Ich mache Einzelbehandlungen und gebe Gruppenstunden. Ich biete auch Ferienkurse im Zusammenhang mit Langlauf oder Skifahren an. Die Gruppe und ich gehen dann ein paar Stunden langlaufen und danach machen wir Feldenkrais. An meiner Arbeit gefällt mir, dass ich mich nützlich machen kann. Das, was ich kann, wird gebraucht. Ich wusste aber nicht von Anfang an, dass ich mit 85 noch arbeiten würde. Ich wusste ja nicht einmal, ob ich dann noch lebe. Jetzt bin ich aber noch hier und arbeite, was mir Freude bereitet. 

Manchmal bin etwas erstaunt, wenn ich mich als alte Frau im Spiegel sehe. Ich bin ziemlich faltig und habe inzwischen ganz weisse Haare. Ich hatte jetzt doch auch schon einen Herzinfarkt, den ich auf Corona zurückführe. Es gibt ja Untersuchungen, die zeigen, dass das Virus Herzgefässe angreifen kann. Mein Herz war vorher immer gesund. Ich hatte auch keine Probleme mit erhötem Colesterin. Also kann nur Corona den Infarkt ausgelöst haben. Leider habe ich mir gerade in letzter Zeit auch noch zweimal den Arm gebrochen. Ich lasse mich dadurch aber nicht aufhalten. 

Am Abend versucht meine Tochter mich manchmal zu erreichen, ich bin aber eigentlich nie zu Hause. Entweder bin ich spät am Abend noch im Garten oder in einem Konzert mit meinem neuen Freund. Selber Musik mache ich auch oft. Ich spiele Cello, Flöte und ein wenig Klavier. Singen macht mir auch Spass. Zurzeit singe ich in zwei Chören. Am Montag gehe ich immer ins Griechisch. Diese Sprache lerne ich jetzt schon seit vielen Jahren. Am liebsten würde ich einmal die Woche noch wandern gehen. Dafür habe ich aber leider nicht immer Zeit. Wenn ich dann aber doch mal zu Hause bin, lese ich gerne Zeitung, mache Sudoku oder schaue Krimis. Dabei will ich eigentlich nicht gestört werden und gehe deshalb auch manchmal nicht ans Telefon.»


Kategorien
Uncategorized

Eine junge Künstlerin

Eine junge Künstlerin 

Meine Kindheit war sehr prägend für mich. 

Nachdem Tod meiner Schwester kam ich auf die Welt, als kleines „Nachzüglerli“, von 5 Kindern.

Ich hatte ein sehr nahes Verhältnis zu meiner Mutter und bewunderte sie schon immer. Neben meiner Mutter war meine Grossmutter eine der wichtigsten Personen für mich. Sie hatte 17 Kinder *schmunzelt*. Wir waren sehr katholisch, damals war Verhütung noch verpönt. Meine Familie lebete in sehr einfachen, armen Verhältnissen. Man hatte uns, als Hilfe eine Wohnung gesucht oberhalb eines Bauernhofs im Luzernerhinterland. Wir haben quasi im „Heustock“ gelebt, dort verbrachte ich meine ersten Jahre. Schon bald zogen wir in die Stadt, da es für die Arbeit meiner Mutter Vorteile hatte. Sie war Damenschneiderin und musste das ganze Geld selbst reinholen, da mein Vater ein Säufer war. „Er het nüt taugt, nüt…“ Ich bin so stolz auf meine Mutter, sie war so eine starke Frau. Zu dieser Zeit war es noch gar nicht üblich als Frau zu arbeiten, doch sie beharrte darauf eine Lehre machen zu dürfen. Dreimal ist sie von ihrem Haushaltsheim ausgebüxt, bis sie dann eine Ausbildung machen durfte. Meine Mutter wollte sich von ihrem Mann scheiden lassen. Ein Schock für das Umfeld. Auch wenn mein Vater nie da war, was auch mit dem Tod meiner Schwester zu tun hatte und das ganze hart erarbeitete Geld meiner Mutter „versuft het“, wies das Gericht die Scheidung mehrmals ab. Doch wie ich meine Mutter kenne blieb sie hartnäckig, bat sie immer wieder um die Schiedung, bis sie vollzogen wurde. Eine alleinerziehende, arbeitende Mutter, war dazumals absolut unüblich und verpönt. Man entschied uns von der Kirche auszuschliessen. Für eine katholische Familie einen Schlag ins Gesicht, doch auch von dem liess sich meine Mutter nicht unterkriegen. „Sie het ihri füf Chind packt, und mir sind in Wald.“ Wir beteten im Wald und sie lächelte uns an und sagte:“ Gott isch überall“. Dies war sehr prägend für mich. Der Kampf ging weiter, ab und an kamen Beamte in unsere Wohnung und wollten kontrollieren ob meine Mutter mit uns fünf Kindern alles auf die Reihe  bekam, ansonsten hätten sie uns weggenommen. Meine Mutter wurde zornig. Sie schreite, sie sollen sich nie mehr Blicken lassen und schmiss ihnen das Hilfsgeld hinterher. „Und ich gseh no die 100ter Nötli, d’Stege abe flüge.“

Die Schulzeit war hart für mich, ich habe viel geweint. Lieber war ich bei meiner Mutter im Nähatelier und habe ihr geholfen. Ich habe viel Zeit dort verbracht, wir halfen ihr viel, wodurch ich schon früh in Kontakt mit Stoffe und Handabeit kam. Ich erkannte schon bald mein tiefes Verlangen mich gestalterisch auszudrücken. Ich begann viel selbständig zu zeichnen, es erfüllte mich. Es war mein Traum, dies einmal zu meinem Beruf zu machen, doch ich kam aus einer Arbeiterfamilie. Kunst war ein Fremdgebiet und als  brotloser Job angesehen. „Was es au isch.“ Doch ich habe an meinem Traum festgehalten, denn von meiner Mutter habe ich gelernt selbstständig und stark zu sein. Ich ging also neun Jahre in die Schule, leider habe ich dazumals keine Fremdsprachen gelernt…

Als alle meine Freundinnen in die Haushaltsausbildung gingen, wurde ich mit nur 15 Jahren an der Kunsthochschule aufgenommen. Ich hatte das Glück, dass meine Lehrer sehr viel Talent in mir sahen und mich sehr „pushten“. Meiner Mutter zuliebe machte ich noch eine Ausbildung als Dekorateurin, doch ich wusste, ich werde nie in einem Büro arbeiten. Nun ging alles sehr schnell ich gewann erste Preise als Kinderbuchillustratorin. Ich war noch so jung und alles kam mir unrealistisch vor. Wenige Jahre später lernte ich mit 17 meinen zukünftigen Mann kennen. Wir waren jung und unsterblich verliebt. Das Jahr darauf bekamen wir unser erstes Kind. Ich war naiv, dachte ich schaffe das alles mit links. Meine Lehrer unterstützten mich dennoch, sahen im mir viel Potential und liessen mich sogar das Baby in den Unttericht nehmen. Lange ging das noch gut, bis ich abbrechen musste. Ich konnte die Kunsthochschule nicht abschliessen und bekam mein zweites Kind. Nun zog ich mich etwas zurück ins Familienleben, doch ich hörte nie auf zu träumen, skizzierte weiter, illustrierte Bücher, bis meine Skizzen von einem Theaterregisseur entdeckt wurden. Das Theater interessierte mich schon immer, ich begann Kostüme zu entwerfen und Bühnenbilder zu gestalten. Aufeinmal hatte ich viele Anfragen und tauchte in die Welt des Theaters ein. Das Theater war eine Männer dominierte Szene, womit ich dannzumal als junge Frau stark zu kämpfen hatte. Hinter den Kulissen passierten korrupte Sachen, alles lief über Beziehungen mit den Regisseuren, was diese eklig ausnutzten. Ich weigerte mich entschieden mit Ihnen auszugehen. „Mit dem hanich mer au riesigi Arbeite verbockt…“ , jedoch fühlte ich mich damit im Reinen. Ich setzte stark auf die Qualität meiner Arbeit und konnte mich auch ohne die Männer durchschlagen. 

Die Kraft nehme ich aus meiner starken Leidenschaft, das Gestallten erfüllte mich schon immer. Ich war die Einzige und Erste meiner Familie, welche ihrer Leidenschaft nachgehen konnte. Für mich ist es ein Geschenk und ein riesiges Privileg zu arbeiten aus Leidenschaft und nicht notgedrungen. Ich arbeit heute immer noch mit§§§§§§§§§§ dieser Motivation im Theater. Meine Arbeit ist nicht nur ein Teil von meinem Leben, sie ist mein Leben, meine Ausdrucksweise. „Ich bi jetzt 75gi und ich wird schaffe bis ich mini Händ nümme bewege chann.“

                              Ruth Mächler geboren am (5.5. 1949)  freiarbeitende Künstlerin seit 1965

Portrait 2023 von Marie van Kleef 1gM

Kategorien
Uncategorized

Peter Wehrli

Kämpfer für ein selbstbestimmtes Leben

In meinem Leben hatte ich drei Karrieren. Jede war unterschiedlicher als die Andere. Zuerst arbeitete ich 8 Jahren als Psychotherapeut in Israel. Nachdem ich mit meiner Frau und unseren zwei Kindern in die Schweiz gezogen bin, hatte ich eine Stelle als technischer Redaktor in einer Firma, die Labormaschinen herstellt. Ziemlich schnell wurde ich zum Stellvertretreter meines Geschäftsführers befördert. Dieser Job brachte zwar nicht gross Geld, aber bereitete mir viel Freude. Als Behinderter, begann mir aufzufallen, wie wenig in der Behindertenpolitik der Schweiz gemacht wird, und wie benachteiligt wir Behinderte noch sind. Ich begann mich dafür zu interessieren und spürte: Dafür will ich mich einsetzen! Ich fand heraus, dass staatliche Gelder für Behindertenrechte zur Verfügung standen. Aus diesen 100’000 Franken wurde kein Nutzen gemacht und so ergriff ich meine Chance. Zusammen mit dreizehn anderen Behinderten, gründete ich das “Zentrum für selbsbestimmtes Leben”, kurz ZSL. Zusammen setzten wir uns für die Zugänglichkeit und die Rechte der Behinderten in der Schweiz ein. Nach einiger Zeit, merkten wir, dass uns das Geld knapp wurde. Wir wussten, dass wir unsere Arbeitswege ändern sollten. So wurde ich zum Geschäftsführer ernannt. Wir gründeten auch einen Vorstand, der jeden Monat mit mir zusammensass und unsere Ziele und Techniken mit mir besprach. Das war also meine dritte Karierre.

Das Ziel war sehr klar: Wir Behinderte lassen uns nicht mehr behindern! Ich hatte das Gefühl, meine Berufung gefunden zu haben. Mit unseren frechen Aktionen machten wir uns schnell einen Namen in der Schweiz. Zur Eröffnungsfeier unseres Zentums haben wir zum Beispiel den Haupteingang so eingerichtet, dass nur Behinderte freien Zugang hatten. Die Nicht-Behinderten musste Aussen rum. Ausserdem waren die Toiletten ausschliesslich für Rollstuhlgänger zugängig, die anderen durften sie nur in Begleitung benützen. Ein grosser Erfolg war, dass wir für die Rollstuhlgängikeit in den Zügen, Trams und Bussen gesorgt haben. Immer wieder zeigten wir der Gesellschaft, dass es nicht so weitergehen kann! Jetzt bin ich 72 Jahre alt, pensionert und das ZSL ist geschlossen. 

Heute habe ich fast jeden Tag die selbe Tagesstruktur. Das finde ich aber ganz gut so, ich mag nicht mehr so viel Aufregung. Ich beginne den Tag etwa um 9 Uhr. Da ich ja noch in meinen Rollstuhl steigen muss, und das nicht ganz so einfach ist, dauert das Aufstehen relativ lange. Sobald ich in meinem Rollstuhl sitze, mache ich mir etwas zum Frühstück und unser Kater Moni kriegt Trockenfutter. Am liebsten esse ich Haferflocken mit Milch und Schokopulver. Anschliessend mache ich mich bereit, um aus dem Haus zu gehen. Ich liebe Hüte und habe desswegen ganz viele davon. Ich Sammle sehr gerne, und habe ganz viele Sammlungen Zuhause, auf die ich ziemlich stolz bin. Ich ziehe also den passenden Hut für den Tag an, ein Hut im Cowboystyle. Und schon bin ich unterwegs zu meinem Legoatelier. Ich liebe Lego, das ist das beste Spielzeug, dass je erfunden wurde! Viele finden das komisch, aber ich bin gerne ein schräger Vogel. Manch anderer hat auch Freude daran, zum Beispiel fast jedes Kind, dass vorbeiläuft. Die machen dann grosse Augen! Oft werde ich auch gefragt, ob man mit meinen Lego spielen darf. Natürlich darf man das jeder Zeit, solange nichts auf dem Boden fällt! Ich baue und verbringe meinen Vormittag im Atelier, esse dann dort zu Mittag. Ich bestelle mir immer gerne etwas und probiere immer neue Restaurants aus. Nach dem Essen verbringe ich noch ein paar Stunden umgeben von Lego. Um 17 Uhr mach ich mich dann langsam wieder auf den Weg zurück nach Hause. Zuhause lege ich mich dann wieder zurück ins Bett und mache meinen täglichen Nachmittagsschlaf. Den brauche ich jetzt im Alter. Ich schlafe meistens circa drei Stunden, also ungefähr bis 20 Uhr. Der Aufstehungsprozess sieht wieder ähnlich aus wie am Morgen. Wieder muss ich zurück auf meinenRollstuhl steigen und dann gehe ich meistens auch noch auf die Toilette. Das Abendessen steht bereits auf dem Tisch. Meine Frau, Shlomit, hat schon alles vorbereitet. Beim Essen haben wir Zeit uns auszutauschen, wir reden gerne über Gott und die Welt. Danach ziehe ich mich in meinen Arbeitszimmer zurück, der einzige Raum in der Wohnung in der meine Frau mir das Rauchen erlaubt. Dort schaue ich mir meistens Youtube Videos an, spiele Solitaire oder lese eines meiner dicken Bücher. Ich finde mein Tag hat sozusagen zwei Abschnitte. Der am Tag und der am Abend. Für mich fühlt es sich an wie zwei Tagen in einem. Schlafen gehe ich erst späts, so um 2 oder 3 Uhr nachts. Langsam werde auch ich müde, obwohl ich offensichtlich eine Nachteule bin. Ich steige wieder von meinem Rollstuhl ab und lege mich aufs Bett, dass ich entspannt einschlafen kann.

Ich bin trotz meiner Behinderung ein selbstständiger Mensch und komme gut alleine in meinem Alltag zurecht. Das war nicht immer so. Als ich mit 9 Monaten an Kinderlähmung erkrankte, lag ich Lange im Spital ohne meinen Körper bewegen zu können. Nur der den kleinen Finger an der linken Hand. Lange war ich abhängig von der Hilfe von Anderen. Bis ich merkte, dass dies nicht an mir liegt, sondern an unserer Gesellschaft! Genau desshalb bin ich stolz darauf, in meinem Leben so viele Barierren für uns Behinderte abgebaut zu haben.

Kategorien
Uncategorized

Portrait von Lia

Viel zu spät mache ich mich auf den Weg, verpasse meinen Bus und muss auf den nächsten warten. Von der Busstation renne ich die letzten paar Meter zu meinem Geschäft. Keuchend trete ich ein und hoffe meiner Chefin nicht unter die Augen treten zu müssen. Zu spät sein bei der Arbeit ist ein absolutes „no go“. Leider habe ich an diesem Tag kein Glück. Ich laufe der Chefin direkt in die Arme, worauf sie mich weg von den Kunden zieht, um mit mir ungestört zu schimpfen. Ihre strengen Worte treffen mich hart, aber ich habe keine Zeit, um über meine Gefühle nachzudenken. Ich setzte wieder ein strahlendes Lächeln auf und begrüsse meine erste Kundin. Ich schneide ihr die Haare, führe small talk mit ihr und massiere ihren Kopf beim Haare waschen. Den Rest des Morgens übe ich verschiedene Frisuren und Haarschnitte an Puppen und vertreibe mir so meine Zeit. Um 12 habe ich endlich Mittagspause, in der ich mit meinem Lehrlingskollege in der Stadt Mittagessen hole. Wir essen gemütlich und machen uns dann auch schon wieder zurück auf den Weg zum Salon. Wieder im Geschäft angekommen, wartet schon eine Freundin auf mich. Sie kommt zum Haare schneiden. Ich habe sie überzeugt ihre kurzen Haare noch kürzer schneiden zu lassen, denn ich brauche immer eine gewisse Anzahl an Kunden, ansonsten verliere ich meinen Lehrplatz und somit meinen Job schon im Alter von 16 Jahren. Nachdem meine Freundin wieder gegangen ist, kommen noch zwei weitere Damen, denen ich die Haare waschen muss. Sie kommen jede Woche, da sie durch ihr hohes Alter eingeschränkt sind und nicht mehr selber ihre Haare waschen können. Die erste Frau begrüsst mich lieb, fast als wäre ich ihr Enkelkind. Die zweite Frau macht ein grimmiges Gesicht und schaut selbst nach meiner Bemühung noch sehr unzufrieden aus. Sie ist nie zufrieden mit meiner Arbeit und motzt immer über die heutige Generation und darüber, dass die Jungen nicht mehr richtig arbeiten wollen. Ich lächle gezwungen und versuche höflich zu bleiben, obwohl mich ihre Worte sehr stören. Nachdem sie den Salon verlassen hat, habe ich ein wenig Zeit für mich, in der ich meine Zusammenfassungen für die Berufsschule lese und versuche mir das Geschriebene einzuprägen. Nach meiner wenig erholsamen Pause geht es auch schon weiter. Ich muss den Abfall entsorgen, den die anderen während der Arbeit gemacht haben und die Spiegel gründlich putzen. Ich nähere mich meinen Feierabend an, als ich bemerke, dass noch eine Kundin auf ihren Termin wartet. Also bleibt mir nichts anders übrig, als Überstunden zu machen und auch die letzte Kundin noch freundlich zu begrüssen und bedienen.

Als ich das Geschäft verlasse, atme ich erleichtert auf. Es war ein anstrengender Tag. Ich versuche zu entscheiden, was ich mit dem halb angebrochenen Abend machen soll. Meine Freunde, die auf eine weiterführende Schule gehen, haben heute alle keine Mittagsschule gehabt und sind wahrscheinlich schon irgendwo am See, ihre freie Zeit am geniessen. Ich frage mich, ob ich mich zu ihnen gesellen oder doch lieber nach Hause gehen soll, um mich auszuruhen und für meine kommenden Prüfungen zu lernen. Ich entscheide mich für die zweite Option und mache mich auf den Heimweg. Zuhause angekommen, esse ich mit meinen Eltern zu Abend, studiere meine Zusammenfassungen, ruhe mich noch kurz aus und mache mich dann schon wieder bereit, um schlafen zu gehen. Ich falle abends müde in mein Bett und schlafe bis zum nächsten Tag durch, bis ich wieder viel zu früh aufwachen muss…

Kategorien
Uncategorized

Den Berg hoch und wieder runter

Die Porträtierte Person ist Gesche Bohmann (85) Das Foto wurden von Ulrike Waltenspül aufgenommen(19.6.2023)

Manchmal vergesse ich Dinge, die ich eigentlich weiss. Wie die Namen von Angehörigen. Für mich ist es schwierig, sich an vergangene Sachen zu erinnern. Im Alltag aber komme ich noch ganz gut klar.

Wenn ich morgens gegen 9 Uhr aufstehe, ist das erste was ich mache, mein allmorgendliches Müsli zuzubereiten. Das Müsli besteht aus Haferflocken und ich schnipple immer ein paar Früchte rein. Dieses Frühstück haben uns unsere Nachbaren empfohlen, als sie noch fit waren und auf ihre Gesundheit achteten. Leider sind sie inzwischen gestorben. Gegen zehn bin ich fertig. Als er noch lebte, habe ich meinen Mann, Werner im Pflegeheim besucht. Das ist gleich nebenan. Als wir diese Wohnung vor 16 Jahren kauften, hatten wir extra auf die Nähe zu diesem geachtet. Als Werner nach einem Schlaganfall nicht mehr zu Hause leben konnte, hat Ulrike, meine Tochter, nach einem Pflegeheim für ihn gesucht. Es dauerte nur einen Monat, bis er nebenan einen Platz bekam.

 Gegen 12 probiere ich Mittag zu essen. Zu mindestens probiere ich es.  Ulrike sagt, dass es wichtig ist, dass ich pünktlich esse, aber meistens vergesse ich es und dann ist es schon zwei.

Nachmittags muss ich «mich raus machen». Die frische Luft solle mir guttun, prägt Ulrike mir immer wieder ein. Deswegen mache ich einen kurzen Spaziergang. Den Berg hoch und wieder runter. Es gibt auch die Möglichkeit, rechts abzubiegen. Dieser Weg ist gemütlicher, da kommt nämlich eine Bank. Das mache ich oft mit Frau Schneider. Sie wohnt noch nicht lange hier. Sie ist ja auch noch jung und fitter als ich. Wenn wir zusammen gehen, gehen wir oft den Weg, wo man rechts abbiegt, damit wir zu der Bank kommen. Wir setzen uns auch noch oft auf die Bank, ruhen uns aus und schnacken eine Weile. Manchmal haben wir uns nichts zu erzählen und dann sagen wir uns schon bald «Tschüss». An den Tagen, an denen wir viel zu sagen haben, gehen wir noch zu jemanden von uns Nachhause und trinken „N Kaffe“ dann sagen wir «Tschüss».

Sonst bin ich Mittwoch nachmittags ins Malen gefahren. Momentan findet es leider nicht statt, denn die Malerin hat Urlaub.  Malen ist ganz nett. Die Malerin gibt mir viel Spielraum und ich kann machen, was ich will. Manchmal gibt sie mir Tipps, aber nur wenn ich sie nach diesen frage. Meine Bilder bestehen aus allen Farben, nur nicht rot. Rot ist so aggressiv, das mag ich nicht….

Nach den ganzen Strapazen bin ich dann wieder bereit für was zu essen. Zum Abendbrot esse ich meisten kalt. Gegen acht bin ich immer fertig, weil dann kommt ja auch die Tagesschau. Die schau ich immer, man muss ja wissen, was so in der Welt passiert. Jetzt geht das aber nicht, denn der Fernseher ist kaputt. Solange bis Ulrike, meine Tochter, wieder mich besuchen kommt und sich mal den Fernseher anschaut und ihn hoffentlich auch repariert, lese ich abends jetzt. Das ist wohl auch besser zum Runterkommen als das Fernsehprogramm. Da dies im Moment nicht geht, da er, wie schon gesagt, kaputt ist, lese ich wieder mehr Bücher. Grösstenteils Kurzgeschichteten. Ich kann mich ja auch nicht mehr so lange konzentrieren. Wenn ich nicht die Kurzgeschichten lese, lese ich ein bisschen was über Schleswig.  Auch wenn ich hier schon so lange lebe, kenne ich mich immer noch nicht wirklich gut aus. Man fährt ja auch immer die gleichen Strecken. Bevor ich ins Bett gehe, weiche ich noch die Haferflocken für mein allmorgendliches Müsli ein.

Porträtiert von Lisa Waltenspül

Kategorien
Uncategorized

Ich hatte eine schwierige Kindheit 

Als ich das Licht der Welt erblickte, herrschte der bittere Biafran-Krieg, ein nigerianischer Bürgerkrieg, der von 1967 bis 1970 dauerte. Ich wurde in Lagos, Nigeria, geboren und wusste nicht, wie sich ein Zuhause anfühlte. Dadurch das meine Eltern Diplomaten waren, reisten wir schon in meinen frühen Lebensjahren durch verschiedene Länder. Aufgrund dessen hatte ich nicht wie andere Kinder ein festes Zuhause, oder feste Freunde. Wir lebten oft in grossen Häuser mit riesigen Grundstücken, für viele klingt dies wie ein Paradies auf Erden, doch für mich war dies die Hölle.Während in anderen Häusern, Kindergeschrei und Kinderlachen üblich war, war unser Alltag die Stille. 

Ich hatte deshalb eine schwierige Kindheit ohne viel Stabilität. Meine Eltern waren tagsüber weg und kümmerten sich eher selten um mich. Schon als kleines Kind, spürte ich oft eine Leere. Ich fühlte mich einsam. Wenn meine Eltern zuhause waren, war das Verhältnis oft schwierig, insbesondere mit meiner Mutter. Ich verspürte eine Angst, sobald ich sie sah. Denn sie war eine sehr temperamentvolle Mutter, mit wenig Empathie und sie war oft wütend. 

Wenn mir langweilig war, schlich ich durchs Haus. Ja, ich schlich in dem Haus herum, in dem ich lebte, denn ich wollte nicht von den Bediensteten gehört oder gesichtet werden. Unsere Bediensteten waren mir fremd und ich fühlte mich nicht wohl. Ich fühlte mich selten wohl.  Ausser mit den Klängen der Musik, sobald ich Klavier spielte oder sang, verbreitete sich ein Gefühl des Wohlbefindens. Ich stellte mir in traurigen Zeiten vor, wie ich Opernsängerin oder Jazzsängerin wäre und alle Augen auf mich gerichtet wären. 

Doch es gab auch Momente in denen ich mich mit meiner Familie verbunden fühlte. Meine Eltern nahmen mich manchmal mit in Museen, Kunstgalerien, Konzerte, Opern und ermutigten mich, viele verschiedene Lebensmittel zu probieren, das hat mich für einen Moment wieder fühlen lassen. Was mir erst später bewusst wurde, war, dass diese Momente dazu beigetragen haben, dass ich heute Hobbys habe. Hobbys, die meine Leidenschaft sind.

Ich hatte nie eine Kindheit. Ich hatte keine Stabilität. Oder ich hatte vielleicht eine, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, aber falls ich eine hatte, dann wurde mir die Stabilität, die ein Kind braucht, mit acht Jahren vollkommen weggenommen, denn ich wurde auf ein Internat in England geschickt, während meine Eltern viele Meilen entfernt in Südamerika lebten. Sie wollten, dass meine Ausbildung stabil ist, doch ich fühlte mich allein gelassen. Allein in einem fremden Land, als ich in die Schule kam, war mein Spanisch besser als mein Englisch und ich war an heisse Länder und Bedienstete gewöhnt. Plötzlich musste ich für mich ganz alleine sorgen. Wieder einmal kam das Gefühl der Leere auf. Diese Leere trug ich mit jedem Schritt herum. 
In dem Zimmer, das ich bewohnte, war es eisig kalt, die Bettdecke und die Kleidung war kratzig, das Schulessen war furchtbar, und ich musste mich an das verregnete Wetter gewöhnen. War das, das Gefühl eines Zuhauses? Wie fühlte sich das überhaupt an? Hatte ich dieses Gefühl jemals gefühlt? Wie sollte ich mir ein Zuhause schaffen, in einer Umgebung, die ich nicht mochte? 

Das einzige, das mich aufmunterte war die Musik. Ich begann Lieder und Stücke für das Theater zu komponieren, sobald ich anfing zu singen, fühlte ich Wärme, die es in dem eisig kaltem Zimmer sonst nicht gab.Ich gründete sozusagen ein Theater und studierte mit anderen interessierten Mädchen Stücke ein und führten dies immer am Ende des Jahres auf. Ich interessierte mich schon früh für die Kunst und die Musik. 

Heute lebe ich in London. Dort wo die Musik und die Kunst lebt. Ich gehe viel in die Oper und in das Theater. Ich singe immer noch und ich nehme Gesangsstunden, meine Gesangslehrerin hat mir sehr geholfen mein Selbstbewusstsein zu stärken.

In diesen dunklen Zeiten war die Musik wie das Licht am Ende des Tunnels. Es hat mir Hoffnung gegeben. Hoffnung, ein für mich bislang unbekanntes Gefühl. Ich wusste, wo die Musik spielte, war mein zuhause. 

Victoria Jane Siddle ist 1968 geboren und hat ihr Zuhause heute in London gefunden.

Kategorien
Uncategorized

Die Russen kommen wieder

„Diese neuen Eindrücke überforderten mich zu Beginn, heute ist mir klar, dass ich einen Kulturschock hatte.“, sagt Salome Späth (52).

https://avanthard.wordpress.com/2012/11/04/80s-underground-scene-from-new-york-city-to-berlin/

1979, als ich neun Jahre alt war, gewann mein Vater einen Literaturpreis. Dazu gehörte ein Stipendium für einen sechsmonatigen Aufenthalt in Berlin. Wir, also meine Eltern, mein drei Jahre älterer Bruder und ich durften uns für ein halbes Jahr in einer riesigen Stadtwohnung niederlassen. Das war natürlich ein grandioses Angebot und im Januar 1980 flogen wir nach Berlin.

Bis dahin wuchs ich in Rapperswil auf, was so ziemlich das Gegenteil von einer Grossstadt war. „Rappi“ war ein beschauliches und biederes Provinzstädtchen. In Berlin hatte es Punks und Drogenabhängige, es war eine brodelnde Stadt. Die Leute waren schnoddrig und häufig unhöflich. Die Grundstimmung war total anders als zu Hause. Diese neuen Eindrücke überforderten mich zu Beginn, heute ist mir klar, dass ich einen Kulturschock hatte.

Wir waren in Westberlin, wo die Spannung zwischen Ost und West auch für mich als Kind spürbar war. Mich hat besonders die Mauer, die ganz Westberlin umzingelte, beeindruckt. Man konnte eine Strasse entlangfahren und wurde mittendrin von dieser gewaltigen Mauer unterbrochen. Ich muss dabei an meinen Klassenlehrer, Herrn Paulsen, denken. Er war schätzungsweise sechzig, weshalb ich annehme, dass er als Soldat im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Wenn Herr Paulsen aus dem Klassenfenster schaute und ein vorbeifliegendes Flugzeug sah, sagte er: „Kinder, Kinder, die Russen kommen wieder!“ Da war ich in der dritten Klasse. Diese Aussage hat mich damals sehr verängstigt. Der Lehrer war streng und ich war ein scheues Mädchen. Er bewarf freche und schlechte Schüler mit Heften oder seinem Schlüsselbund. Herr Paulsens autoritäre Art machte mir die Schule zu einem Albtraum. Um mir den Gang in die Schule zu erleichtern, begleitete mich meine Mutter jeden Morgen. Der Stress, den mir die Schule bereitete, machte es mir noch schwerer mich einzuleben und wohlzufühlen.

Wir gingen ein paar Mal rüber nach Ostberlin. Ein Erlebnis, das mir geblieben ist: Wir waren in einem Museum die einzigen Besucher als eine Museumswärterin mit einem Brief auf meinen Vater zukam und ihn bat, diesen mitzunehmen und an ihre in der BRD lebende Tochter zu schicken. Mein Vater tat dies, ohne zu zögern. Da wurde mir bewusst, dass es dieser Mutter unmöglich war, über die DDR-Post offen mit ihrer Tochter zu kommunizieren.

Mein Bruder musste einmal zum Zahnarzt und ich wurde von unserer Mutter dorthin mitgeschleppt. Die Frau des Zahnarztes machte meiner Mutter Vorwürfe, dass sie mit Kindern aus der wohlbehüteten Schweiz nach Westberlin gezogen sei. Mich befremdeten die altmodisch eingerichtete Praxis und der pedalbetriebene Bohrer.

Mein Vater verdiente zu dieser Zeit mit Artikeln für die NZZ sein Geld. Zu Recherchezwecken ging er mit einem Fotografen für einen Tag nach Ostberlin. Als sie am Abend in den Westen zurückreisen wollten, haben Grenzsoldaten das ganze Auto von oben bis unten durchsucht. Zudem mussten mein Vater und sein Begleiter den Rücksitz des Autos abmontieren, um zu zeigen, dass sie niemanden nach Westberlin schmuggelten. Mein Vater erzählt heute noch davon, dass der Sitz von da an „giepschte“.

Das sind einige meiner Erinnerungen, die ich an diese Monate in Berlin habe. Rückblickend bin ich meinen Eltern dankbar dafür, dass sie mir diese Erfahrungen ermöglicht haben. Auch wenn es nicht die schönste Zeit war, fand ich es schade, dass wir Berlin schon nach einem halben Jahr verlassen mussten. Denn genau dann hatte ich angefangen, mich wohlzufühlen. Heute muss ich nicht mehr viel daran zurückdenken, aber ich habe damals schon in frühem Alter Erfahrungen gesammelt, die mich wie vieles andere geprägt haben.


Kategorien
Uncategorized

„Ich sehe mit dem Herzen“

Cornelia Zumsteg, seit 72 Jahren beeinträchtigt, lebt ihr Leben trotzdem

Geboren bin ich vor 75 Jahren hinter dem Zoo. Am Tag meiner Geburt hat sich gerade ein Storchenpärchen auf unserem Dach einquartiert. Ein wirklich schöner Zufall. Bis ich drei Jahre alt war, hatte ich ein unbeschwertes Leben. Ich bin „umegsprunge“, habe gelacht und mit den anderen Kindern gespielt. 

Über Nacht änderte sich mein Leben plötzlich komplett. Ich ging abends gesund ins Bett und wachte am nächsten Tag gelähmt auf. Von Kopf bis Fuss. Ein riesen Schock für die ganze Familie, besonders für meinen zweieinhalb Jahre älteren Bruder. Nach vielen Tagen im Krankenhaus stellten die Ärzte und Ärztinnen die Diagnose – Knochentuberkulose – und sie begannen, mich zu behandeln. Leider litt ich jedoch an juveniler Polyarthritis, einer chronischen Gelenksentzündung, was das Personal zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wussten. Die Medikamente, die ich verabreicht bekam, zeigten keine Besserung und mein Zustand verschlechterte sich. Trotz dauerhafter Schmerzen, sogar beim Schlafen, kam Aufgeben nicht infrage. 

Wegen meiner aufkommenden Blindheit, die aufgrund der falschen Medikamente verursacht wurden, lernte ich schnell, mich auf Geräusche zu fokussieren. Somit begann ich mein Leben auf eine andere Art zu geniessen. Jeden Tag hörte ich die Tiere vom Zoo, Elefanten, Wildtiere, Hyänen, Wölfe, manchmal hörte man sogar, wenn die Tiere gefüttert wurden. Dann war es besonders laut. 

Eigentlich sollte ich in eine „Blindenanstalt“ gesteckt werden. Das war früher so. Zum Glück wehrten sich meine Eltern und ich konnte mit sehenden Kindern aufwachsen. Dies war ein riesen Gewinn in meinem Leben, da ich heute noch raschen Zugang zu sehenden Leuten habe. Mit 10 Jahren durfte ich in eine öffentliche Schule für sehenden Kinder. Ich hatte riesen Glück, da ein Lehrer sich bereiterklärt hatte, mich in seine Klasse aufzunehmen. Leider verschlechterte sich mein Gesundheitszustand wieder, sodass ich von zuhause aus unterrichtet werden musste. Ich bekam einen Privatlehrer, der mir auch die Blindenschrift lehrte. Buchstaben lesen konnte ich nicht mehr, obwohl ich, bis ich 20 Jahre alt war, Farben und Hell und Dunkel sehen und unterscheiden konnte. 

Mit 11 Jahren gab man mir die Hoffnung, mir mein Augenlicht wieder zurückgeben zu können mithilfe einer Operation. Ich ging mit meiner Mutter nach Genf in eine Spezialklinik. Erstaunlicherweise sah ich nach der OP auf einem Auge wieder. Doch leider hielt die Freude nicht lange an. Während die Patient*innenzimmer geputzt wurden, wurden wir Kinder in das Spielzimmer der Station gesperrt. Ich spielte mit einem roten Auto – das weiss ich noch ganz genau. Ich hielt es nahe vor mein Gesicht, da ich es genauer betrachten wollte. Plötzlich kam ein Junge und wollte es mir wegnehmen. Er fuchtelte vor meinem Gesicht herum und es geschah: Das Auto landete in meinem Auge, was mir abermals die Sehfähigkeit nahm.

Zum Glück liessen die Schmerzen, die meine Krankheit mit sich brachte wieder nach und ich konnte eine Ausbildung als Telefonistin machen. So lernte ich auch meinen Mann kennen, mit dem ich einen Sohn habe, Daniel. Zu meinem Kind habe ich eine besonders starke Bindung. Oft hatte ich das Gefühl, ihm nicht alles geben zu können, was er, als mein Sohn, verdient.

Heute bin ich wieder sehr aktiv und viel unterwegs. Besonders gerne mit meinem Freund, Stefan, den ich vor einiger Zeit ebenfalls über das Telefon kennen gelernt habe. Auch sonst bin ich gerne in Kontakt mit vielen Menschen. Im Rütihof, der Genossenschaft, wo ich seit über 20- Jahren wohne, kenne ich bereits viele Leute und Familien, die mir grossherzig helfen, wo immer es nötig ist. 

Bis vor Kurzem arbeitete ich noch regelmässig im Restaurant „blindekuh“ im Seefeld. Leider ist dies nun schwierig, aufgrund eines Sturzes, den ich hatte.

„Man wird eben nicht fitter im Alter.“

– Cornelia (mit einem Schmunzeln auf den Lippen)

Obwohl ich die freiwillige Arbeit immer gerne gemacht habe, muss ich dies jetzt reduzieren. Ich versuche einfach mein Leben, so, wie Gott es mir geschenkt hat, zu leben.


Kategorien
Uncategorized

„Es war alles schön und gut, bis der Fliegerangriff losging“

Siegrid Lucae (83) „Ich bin Siegrid Lucae und 83 Jahre alt.“

Ich hatte noch zwei Geschwister. Mein älterer Bruder war 10 Jahre älter als ich. Meine Schwester hatte fünf Jahre Altersunterschied und als letztes kam ich. Es war alles schön und gut, bis im November 1944 der Fliegerangriff über Freiburg losging. 

Freiburg wurde total bombardiert, darunter auch das Haus meiner Eltern. Meine Mutter, meine Schwester und ich waren im Keller, ebenso meine Grossmutter, die zu Besuch war, und meine Tante mit ihren zwei Kindern. Als die Bombe ins Haus fiel, war natürlich ein Riesenspektakel. Es gab viel Bruch und Krach und all das. Ich war damals gerade 3 Jahre alt geworden und mich hat es durch den Luftdruck von meiner Mutter weggerissen. Nur mein Füsschen hat aus den Trümmern geragt. Dieser Angriff hatte 20 Minuten gedauert.

Als der Angriff zu Ende war, kamen Nachbarn und haben geschaut, was alles kaputt „gehauen“ worden war und da fanden sie mich und haben mich „rausgebuddelt“. Sie haben dann auch gesehen, dass noch mehr überlebt hatten. Meine Grossmutter hat noch Lebenszeichen von sich gegeben, die hinter einem Schrank geschützt war, und meine Tante. Das eine Kind von ihr lebte noch, das andere war tot. Meine Mutter, meine Schwester und mein Bruder sind auch umgekommen. Ich war alleine. Die Nachbarn haben mich ins Lazarett gebracht, und zwar weil die Uniklinik in Freiburg komplett zerstört war. Also musste man vom Roten Kreuz untergebracht werden. Und als es mir wieder besser ging und ich laufen konnte, bin ich da durch diese riesigen Zimmer mit Drei-Stockbetten herummarschiert und für mich war das wie ein Wald. Eine ältere Frau fragte, wie denn das Kind hiesse. Dann erkannte sie mich als ihre Enkeltochter und so hatte ich meine Oma wenigstens. Mit ihr bin ich von Freiburg in den Schwarzwald irgendwohin, Richtung Donaueschingen, bei einem Bürgermeister einquartiert worden. Und da oben, in dieser fernen Stadt von Freiburg weg, war nochmal ein Angriff, als die Franzosen einmarschierten. Das habe ich dann richtig mitgekriegt; alles andere habe ich vergessen. Ich weiss auch nicht, wie meine Mutter aussah, wie meine Geschwister aussahen, ich kenne das nur alles durch Bilder und von Erzählungen . 

In Freiburg hat man mit der Zeit -Richtung Sommer- die Strassen und alles andere frei geräumt , sodass man wieder zu den Häusern konnte. Es war ja alles voll Schutt. Da wurden wir auch wieder vom Roten Kreuz nach Freiburg geschickt und kamen ganz in der Nähe, wo ich früher gelebt hatte, bei einer Familie unter. Dort blieb ich dann mit meiner Oma so lange, bis mein Vater aus dem Krieg kam. Und zum guten Glück kam er schon im Sommer 1945. Meine Grossmutter ist dann wieder zu ihrem Mann zurück. Eine Nachbarin, eine gute Bekannte von früher, deren Mann in russische Gefangenschaft kam, hatte auch eine Tochter und ihr Anwesen verloren. Die jüngere Tochter von ihr, die Gisela, wurde meine beste Freundin. Die Nachbarin hat dann den Haushalt geführt und auf mich aufgepasst. Mein Vater musste irgendwie zu Geld kommen. Er hat alles Brauchbare aus den Trümmern aussortiert und ein kleines Häuschen gebaut. Dort haben wir schlussendlich gelebt. Die Nachbarin und meine Freundin kamen auch irgendwo unter. Mein Vater hat dann nochmal geheiratet und so bekam ich eine zweite Mutter und eine zweite Schwester. Von dort weg waren wir wieder eine „geheilte“ Familie.