Agnes Ryser (62) , leidenschaftliche Musiklehrerin und Dirigentin

Ich habe es mir schrecklich vorgestellt. Ich war zwar furchtlos, aber angespannt. Lange zögerte ich und wollte mich gar nicht untersuchen lassen, um die Frage zu klären,ob ich Dialyse machen muss. Meine Kräfte haben abgenommen und auch meine Hoffnung. Ich habe meinen Kopf in den Sand gesteckt und wollte der Realität nicht ins Auge schauen. Die Dialyse ist nämlich ein ziemlich persönlicher Eingriff. Die Nieren scheiden eigentlich alle Schadstoffe und das Wasser aus, die man zum Beispiel beim Essen und Trinken einnimmt. Doch bei mir arbeiten die Nieren nicht richtig und lassen die Schadstoffe und das Wasser im Körper. Deswegen gehe ich zur Dialyse, diese wäscht das Blut rein. Ich habe polyzystische Nieren. Das ist eine Erbkrankheit.
Als ich mich endlich untersuchen liess, ging alles ganz schnell. Die Ärzte wollten sofort anfangen, doch ich hatte gerade wochenlang einen Sing-Workshop vorbereitet und konnte einfach noch nicht anfangen. Deshalb flehte ich die Ärzte an, die Dialyse um eine Woche zu verschieben. «Danach bin ich für alles bereit!», sagte ich zu ihnen.
Und das ging dann schlussendlich auch. Alle Pfleger*innen waren so nett und haben mir einen grossen Teil der Angst genommen. Ich habe auch einen Talisman, also einen Glücksbringer mitgenommen. Als es dann so weit war, war mein einziger Gedanke: «Augen zu und durch.»
Es gab zuerst eine Operation. Mir wurde am Hals ein Katheder, also ein künstlicher Gefässzugang, installiert und noch einen zweiten künstlichen Gefässzugang für das gefilterte Blut. Es waren wie zwei Leitungen. Die eine zieht das Blut heraus in eine Maschine, die das Blut dann filtert, und die andere führt das gefilterte Blut wieder zurück in den Körper.
Schon nach der ersten Dialyse bemerkte ich einen riesigen Unterschied. Ich war fitter, weniger müde, konnte mich endlich wieder konzentrieren und auch die Leistungsmöglichkeiten waren gestiegen.
Nach sechs Monaten musste ich eine zweite Operation machen und einen Shunt legen. Dann besteht der Zugang zum Blut nicht mehr aus einem Katheder, sondern die Ärzte haben im Oberarm eine Arterie mit einer Vene verbunden. Jetzt wird jedes Mal in der Dialyse in den Shunt gestochen.
Eine gesunde Niere filtert das Blut vierundzwanzig Stunden, doch ich kann ja nicht die ganze Zeit im Spital sein. Deswegen wird nur ein beschränkter Prozentsatz vom Blut gefiltert. Ich gehe dreimal in der Woche vier Stunden in die Dialyse. Meistens gehe ich von halb acht bis halb zwölf Uhr morgens.Dabei nehme ich immer mein Laptop mit und arbeite vor Ort. Ich will nämlich meinen normalen Arbeitstag erledigen. Das ist für mich sehr wichtig, da ich beim Arbeiten immer nach Lösungen suche. Das hält mich vom Grübeln ab. Ich arbeite nämlich 85 Prozent an der Musikschule und zusätzlich noch mit drei Chören, also eigentlich insgesamt 120 Prozent . Ohne die Dialyse könnte ich das gar nicht, mir würde die Kraft dazu fehlen. Die Dialyse hält mich am Leben.
Unter dem Strich ist es wunderbar, dass es das Ganze überhaupt gibt, und dass ich es auch vertrage. Ausserdem denke ich, ist es zum grossen Teil eine Einstellungssache. Wenn es mich aber trotzdem einmal angurkt, dann sage ich zu mir selbst “Hey Agnes, es ist super, dass es die Dialyse überhaupt gibt und sie funktioniert. Und in anderen Ländern gibt es manchmal Dialysestationen, die nicht einmal ärztlich betreut sind, also beschwer dich nicht.“
Jetzt bin ich unglaublich dankbar, dass ich die Dialyse machen kann und mein Leben somit weitergeht.
Aufgezeichnet von Paula Ryser







